„Wir haben die Kontrolle darüber verloren, was wir essen“

Eva Goldbach

Unsere Supermärkte bieten uns eine Auswahl an Lebensmitteln an, die wir kaum ausprobieren können. Das ganze Jahr über können wir Tomaten, Kürbis oder Avocado kaufen. In unserer Ernährungskultur haben wir so jedoch die Kontrolle darüber verloren, was wir essen und woher Lebensmittel kommen. Würden wir den wahren Wert und Preis von unseren Lebensmitteln kennen, würden wir unser Konsumverhalten überdenken und ein neues Bewusstsein für Geschmack und Qualität entwickeln.

Die Agronauten, eine Forschungsgesellschaft für Agrar- und Ernährungskultur, beschäftigt sich unter anderem mit dieser Problematik. Durch den Einsatz von Pestiziden und Glyphosat vergiften wir unsere Erde und treiben die Klimakrise voran. Deswegen unterstützen die Argonauten eine interdisziplinäre Annäherung an dieses Problem. Sie befürworten das Konzept CSA (community supported agriculture, frz.: AMAP, deutsch: Slawi). Durch diese Art der Landwirtschaft können wir eine neue Ernährungskultur entwickeln und lernen, unsere Umwelt und unsere Lebensmittel mehr wertzuschätzen.

CSA wird von den Agronauten auch auf europäischer Ebene gefördert.

In unserer Überflussgesellschaft haben wir ein kulturelles Problem, dass durch ein neues Bewusstsein verändert werden muss. Die Agronauten unterstützen regionale und nachhaltige Landwirtschaft und Initiativen. Dabei wird nicht auf einen quick-fix gesetzt, sondern darauf, langfristig eine neue Kultur zu etablieren. Kurzfristige Initiativen und Projekte der Regierung wirken zwar ambitioniert, sind jedoch meist utopisch. Denn eine Umstellung hin zu einer klimafreundlichen und sozialen Landwirtschaft benötigt vor allem Zeit – und muss deswegen so schnell wie möglich realisiert werden.

„Der Preis, den wir im Supermarkt bezahlen, ist nicht der echte Preis“

Die Agronauten haben ein Kochbuch veröffentlicht, mit regionalen und lokalen Projekten.

Wir brauchen neue oder erneuerte Ernährungssysteme. Diese Umstellung würde die Lebensqualität und das Bewusstsein für Lebensmittel verändern. Wir können durch mehr Bewusstsein und Direktvermarktung wie CSA innerhalb der nächsten zehn Jahre 30-40% ökologische Landwirtschaft etablieren und so auch den Lebensraum für die Menschen verbessern – dazu ein sozialeres Miteinander schaffen. CSA kreiert nämlich auch Netzwerke und ist unter sozialen Gesichtspunkten attraktiv. Die Agronauten fordern, dass wir unsere food sovereignty zurückbekommen und dass die reellen Preise wieder ersichtlich und vor allem nachvollziehbar werden.

Wir können im Sinne der Teikei, einer philosophischen Denkrichtung aus Japan, dem Geburtsort der CSA, unsere Auffassung zu Ernährung verändern. Diese beschreibt, dass wir mehr über unser Leben nachdenken sollten und so die Lebensqualität steigern. Wir können Pro-sumers werden – consumacteurs, die bewusst und pro-aktiv Lebensmittel konsumieren.

Der Lebensmittelsektor ist ein riesiger Emissions-Produzent, während zusätzlich große Mengen an Lebensmitteln weggeworfen und nicht genutzt werden. Unser System ist nicht nachhaltig und schadet langfristig allen. Schon jetzt bemerken wir, wie Naturstriche und Felder verpestet sind, unsere Körper ungesunde Substanzen aufnehmen und wir uns in einer riesigen Lebensmittellandschaft nicht mehr zurechtfinden.

Aktuell sind nur etwa 1,5% der Arbeitskräfte in Deutschland Landwirt:innen; um diesen Sektor wieder attraktiver zu gestalten, sollten Interessierte und CSA-Projekte finanziell gefördert werden. Auch eine vegane Ernährung könnte bis zu 66% der Emissionen in der Landwirtschaft einsparen.